Es war ein denkwürdiges Wochenende. Kaum begonnen, war das Southside auch schon wieder vorbei. Zum ersten Mal überhaupt musste das Festival in den Ausläufern der schwäbischen Alp vorzeitig beendet werden.
Ein Einblick in meine kleine, emotionale Welt
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Stimmen vor dem Zelt

Es muss gegen 6:15 Uhr am Samstag Morgen gewesen sein. Rabiat wurde ich aus meinem ohnehin unruhigen Schlaf in halbnassem Schlafsack gerissen. Zwei Stimmen schlenderten an meinem Zelt vorbei und die eine meinte: „Scheisse, jetzt bin ich extra heute morgen hierher gefahren.“-„Doof.“ Dann waren sie auch wieder verschwunden. Mit einem Mal wurde mir klar: Es könnte tatsächlich vorbei sein.

Immernoch ungläubig versuchte ich meine Social Media Gadgets in Gang zu bringen, doch sowohl Handy auch als Tablet hatten keinen Saft mehr. Also Autoradio angeschaltet und auf eine Ansage vom Camp.fm gewartet. Die kam dann auch und mit einem Schlag war die unumstössliche Gewissheit da: Southside 2016 wurde vorzeitig beendet. Zum ersten Mal in dessen Geschichte überhaupt. Das Unwetter der vorangegangenen Nacht liess es nicht zu weiter zu machen. Eine Forstetzung unter diesen Umständen zu gefährlich, ausserdem zu viel defekt oder kaputt.

Start mit Sonne und Sommer satt

Southside 2016 in der Sonne, Foto: Thomas Peter
Southside 2016 in der Sonne, Foto: Thomas Peter

Begonnen hatte alles recht unspektakulär. Anreise am Donnerstag bei absolut sommerlichen Temperaturen und Trockenheit. Das Bühnenareal war wie erwartet geschottert worden und man musste sich enorm viel Mühe geben irgendwo eine matschige Stelle zu finden. Sonnenbrände sah man dagegen überall. Viele hatten die sonnige Hitze offenbar unterschätzt.

Umschwung kommt mit Tom Odell

Southside 2016 - Singing in the Rain, Foto: Thomas Peter
Southside 2016 – Singing in the Rain, Foto: Thomas Peter

Klappe. Freitag. Der Tag begann erneut warm, sehr warm. Die sonnige Hitze blieb uns auch den ganzen Tag über erhalten bis um 19:15 Uhr Tom Odell mit seinen melancholischen Liedern die ersten Tropfen heraufbeschwor. Die Stimmung war gut, der Regen sogar als Abkühlung willkommen. So seltsam es klingen mag: Ich hatte den Eindruck als würden viele erst jetzt den Weg zu den Bühnen suchen. Tagsüber lähmte die Hitze die Konzertlust, so dass viel Luft auf dem Infield ungenutzt blieb.
Langsam aber stetig nahm die Intensität des Regens zu. Fotograben Green Stage um 19:45 Uhr war schon ein Wagnis für das in die Kamera investierte Kapital. Es goss schliesslich wie aus Eimern. Pfützen bildeten sich. Jeder Sneakertritt musste abgewogen werden, bis ich es schliesslich aufgab und sie ihrem nassen Schicksal übergab. Schön langsam hatten auch die Kanäle am Rande des Rollfelds genug. Das Wasser wusste einfach nicht mehr wohin.

Etwa eine halbe Stunde später, um 20:15 Uhr, war Schluss mit lustig. Ähnlich wie man es sich in einem postapokalyptischen Szenario vorstellt, liefen im Wechsel deutsche und englische Ansagen über die Lautsprecher der Bühnen. Das Southside Infield wurde evakuiert. Man solle in seinem Auto, einem Shuttlebus oder Gebäuden in Tuttlingen Schutz suchen. Es handle sich wohl nur um eine kurze Unterbrechung. Dass dies das Ende des Festivals bedeuten sollte, konnte zu dieser Zeit noch niemand ahnen.

Gespenstische Ruhe vor Ankunft des schwarzen Biests

Southside 2016 - Das schwarze Biest, Foto: Thomas Peter
Southside 2016 – Das schwarze Biest, Foto: Thomas Peter

Denn irgendwann kurz nach 21 Uhr war plötzlich alles ruhig. Der Regen hatte aufgehört, genau wie die Ansagen. Es war gespenstisch ruhig, ich dachte sogar einen Moment: Eigentlich könnte es jetzt ja mit dem Programm weitergehen. Minütlich wartete ich auf eine entsprechende Meldung seitens Radio Camp.fm. Doch sie kam nicht. Stattdessen der Hinweis: Unwetterwarnung bleibe bestehen, man solle im Auto bleiben. Absolut richtige Entscheidung. Am Himmel schob sich von Neuhausen ob Eck her ganz langsam eine finstere, schwarze Wolkenfront über den Take Off Park. Gähnend träge kam das schwarze Biest voran und schien sich über dem Southside einzurichten. Wie befürchtet brachte das Dunkel neben Gewitter auch Orkanböen und starken Hagel mit sich.
Selbst im Auto sitzend konnte einem Angst und bange werden. Der Wind schaukelte die Karosse hin und her und entwurzelte zahlreich nebenan stehende Zelte und Pavillons. Sie flogen umher und stellten eine echte Gefahr für Leib und Lack dar. Die fetten Hagelkörner verstärkten die Sorge, machten enormen Terror auf Front- und Heckscheiben. Ich hatte wirklich Angst, dass das Nass irgendwann zu mir hereinbrechen würde.

Bestimmt zwei Stunden lang ging das so. Schliesslich wurde das Programm für den Freitag abgesagt. Mensch musste vor den apokalyptischen Bedingungen der Natur kapitulieren. The Offspring und The Prodigy, The Wombats, Deichkind und Maximo Park zählten zu den ersten Opfern des Unwetters. Das sei übrigens das schlimmste gewesen, dass Neuhausen je erlebt habe, lässt sich der Oberbürgermeister Neuhausen ob Ecks am Tag danach zitieren. Ich bin geneigt ihm zu glauben. So ein derbes Unwetter hatte ich bis dato auf einem Festival noch nicht erlebt – und ich mach das ja doch schon ein paar Jahre.

Als sich gegen 1 Uhr am Samstag Morgen die Situation spürbar beruhigt hatte, wanderte ich die wenigen Meter in mein Zelt hinüber, um doch noch ein paar Stunden Schlaf zu finden. Im Auto wollte das nicht klappen.
Der Sturm hatte leichtes Spiel mit meinem angeschlagenen Zelt gehabt und zusätzlich die beiden Innenwände miteinander verklebt. So war einiges an Feuchte erst ins Zelt und dann in meine Schlafsack-Isomattenkombi gekrochen. Ziel war es nun eine Stellung zu finden, in der man relativ trocken schlafen konnte. Irgendwann schlief ich dann wirklich ein, bis eben die beiden Kollegen am Zelt vorbeischlenderten.

Trauernde Leere

Mit der Gewissheit der Absage fühlte ich mich mit einem Mal total leer. Was hätte das nicht für ein tolles Wochenende werden können. Für mich wäre es definitiv auch mit Matsch einer der Saisonhöhepunkte geworden. Nun gab es stattdessen Enttäuschung und Frust en masse.

Kurz nach den Bühnen wurde auch das Pressezelt evakuiert. Wir sollten schnell verschwinden, daher liess ich sämtliche Kabel zurück und nahm nur die teuren Geräte mit. Um 6:30 Uhr am kommenden Morgen plante ich die Exit-Strategie und Teil davon war, nochmal auf das Infield zu laufen um die Reste einzusammeln. Gummistiefel ausgepackt und losgestapft. Viel Hoffnung machte ich mir allerdings nicht, jetzt dort Einlass zu erhalten. Ich sollte mich irren.

Im Zelt sassen leichenblass und ausgemergelt einige Bekannte von FKP Scorpio. Sie hatten die ganze Nacht über Fragen der Besucher via Internet und Telefon beantwortet und waren mindestens genauso deprimiert wie ich. Eilig sammelte ich meine Sachen ein, man umarmte sich kurz und ich versicherte auf Nachfrage, auch im nächsten Jahr wieder zu kommen – so ich den eingeladen würde.
Im nächsten Moment betrat auch schon FKP Scorpio Chef Folkert Koopmans das Zelt. Das war mein Signal zu gehen. Nach einem schlichten „Morgen“ entschwand ich, schliesslich hatte die Crew andere Sorgen.

Kein Bock auf Bilder

Eigentlich hätte ich von mir erwartet mit der Kamera noch ein paar Impressionen der Zerstörung einzufangen. Doch mir fehlte einfach die Lust dazu. Ich war deprimiert in höchstem grade, wollte das Festival einfach nur hinter mir lassen. Mich nicht auch noch an dem traurigen Szenario weiden, ein paar Klicks wegen.
Die bedrückende Stimmung über dem Infield, da war ich mir sicher, wäre auch kaum über unbewegte Bilder transportierbar gewesen. Das sollten andere machen, dachte ich mir – und es fanden sich genug die es taten.

Eine Stunde und Dusche später packte ich mein bedauernswert zugerichtetes und mit Matsch abfahrender Autos besprenkeltes Zelt in seine Hülle, setzte mich ins Auto und ignorierte die Anweisung meines Navis. Das wollte mich dahin schicken, wo alle hinwollten und kilometerlanger Stau gewartet hätte. Stattdessen bog ich nach links ab und fuhr unbehindert 15km in die „falsche“ Richtung. Ein perfider Plan, der aber aufgehen sollte. So umfuhr ich Neuhausen um Eck und sämtliche Staus.

Was bleibt?

Für FKP Scorpio steht zunächst ein fettes Minus von 15-20 Million Euro in den Büchern. Verantwortlich dafür Southside und Hurricane gemeinsam. Angesichts dieser Summe dürfte selbst dem grössten europäischen Festivalveranstalter mulmig werden. Auch wenn Versicherungen das Minus spürbar drücken sollten.
Symphatisch jedenfalls schon jetzt, die Reaktion der Festivals: Statt seine Kunden mit der Ankündigung einer Preiserhöhung zu verprellen, geht FKP Scorpio sofort auf seine Besucher zu. Man will ihnen „entgegen kommen“. Was immer das heisst.
Rock am Ring erstattet seinen Besuchern 40 Prozent des Kartenpreises zurück. Man darf gespannt sein, ob die Southside-Fahrer mit einer ähnlich hohen Rückzahlung werden rechnen können. In jedem Fall sollte man sein Hardticket in den nächsten Tagen nicht entsorgen und möglichst schon einmal einen Kaufbeleg herauskramen.

Das kürzeste 3-Tage-Festival meiner Karriere. Es fühlt sich wirklich scheisse an nach einem dreiviertel Tag eines auf drei Tage angesetzten Festivals vor die Tür gesetzt werden. Das kann ich nun selbst nachfühlen.

Warm-Up am Donnerstag und die Konzerte bis 19 Uhr am Freitag hatten eigentlich den Weg für ein spassiges, friedliches Festival geebnet. Der Umschwung erfolgte mit einem fetten Arschtritt des Wetters. Wie schon viel zu oft national und international im Juni 2016. Im Nachhinein wirkt mein frommer Wunsch, die Wettereskapaden bei Rock am Ring, Rock im Park und dem britischen Download mögen sich doch bitte nicht bei Hurricane und Southside wiederholen, wie blanker Hohn.

Mit ein paar Tagen Abstand überwiegt die Erleichterung, dass wir vor einem direkten Blitzeinschlag und schweren Personenschäden verschont geblieben sind. Am Platz wurden 57 Besucher wegen Unwetterfolgen behandelt und konnten sofort wieder entlassen werden. 25 Festivalisten mussten leichtverletzt ins Krankenhaus gebracht werden, 5 davon stationär bleiben. Mir ist nicht bekannt, dass einer davon sich wirklich lebensbedrohlich verletzt hätte.
Alles in allem verlief dieser Armageddon also recht glimpflich. Immerhin.

Im nächsten Jahr starten wir einen neuen Anlauf. Dann trifft man sich vom 23.-25. Juni 2017 im Take Off Park wieder. Tickets für den nächsten Sommer kann man anders als sonst im Moment nur reservieren, nicht aber sofort käuflich erwerben.
Wer seine Kartennummer/n dieses Jahres hinterlässt, wird zudem im Fall einer Rückzahlungsaktion informiert bzw. der entsprechende Betrag möglicherweise gleich von der neuen Bestellung abgezogen.

Anti-Flag beim Southside 2016, Foto: Thomas Peter
Anti-Flag beim Southside 2016, Foto: Thomas Peter
Skindred beim Southside 2016, Foto: Thomas Peter
Skindred beim Southside 2016, Foto: Thomas Peter
Skindred beim Southside 2016, Foto: Thomas Peter
Skindred beim Southside 2016, Foto: Thomas Peter
Skindred beim Southside 2016, Foto: Thomas Peter
Skindred beim Southside 2016, Foto: Thomas Peter
Skindred beim Southside 2016, Foto: Thomas Peter
Skindred beim Southside 2016, Foto: Thomas Peter
Regenfreitag beim Southside 2016, Foto: Thomas Peter
Regenfreitag beim Southside 2016, Foto: Thomas Peter
Regenfreitag beim Southside 2016, Foto: Thomas Peter
Regenfreitag beim Southside 2016, Foto: Thomas Peter
Regenfreitag beim Southside 2016, Foto: Thomas Peter
Regenfreitag beim Southside 2016, Foto: Thomas Peter
Kvelertak beim Southside 2016, Foto: Thomas Peter
Kvelertak beim Southside 2016, Foto: Thomas Peter
Bühneneröffnung beim Southside 2016, Foto: Thomas Peter
Bühneneröffnung beim Southside 2016, Foto: Thomas Peter
Bühneneröffnung beim Southside 2016, Foto: Thomas Peter
Bühneneröffnung beim Southside 2016, Foto: Thomas Peter
Bühneneröffnung beim Southside 2016, Foto: Thomas Peter
Bühneneröffnung beim Southside 2016, Foto: Thomas Peter
Anti-Flag beim Southside 2016, Foto: Thomas Peter
Anti-Flag beim Southside 2016, Foto: Thomas Peter
Anti-Flag beim Southside 2016, Foto: Thomas Peter
Anti-Flag beim Southside 2016, Foto: Thomas Peter
Anti-Flag beim Southside 2016, Foto: Thomas Peter
Anti-Flag beim Southside 2016, Foto: Thomas Peter

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