Fast 30 Jahre, zwei Seen, 27 Ausgaben. Im August 2026 hat sich das Highfield mit einem „One Last Dance“ verabschiedet, 2027 gibt es keine Ausgabe. Zeit für die ganze Geschichte eines Festivals, das in Thüringen als Indie-Treffpunkt anfing und am Ende eines der wichtigsten Festivals für deutschsprachige Musik im Osten war.
1998 bis 2009: Der Stausee Hohenfelden
Angefangen hat alles 1998 am Stausee Hohenfelden bei Erfurt. Von dort hat das Festival auch seinen Namen: Aus Hohenfelden wurde Highfield. Zwölf Ausgaben lang blieb es im Weimarer Land.
In diesen Jahren war das Highfield vor allem eins: ein Festival für Gitarren, oft aus dem Ausland. Wir haben es 2009 das „größte Indierock-Festival Ostdeutschlands“ genannt, und das Plakat gab das her. 2008 spielten The Hives, Bloc Party, Gogol Bordello und Tocotronic, 2009 Faith No More, die Deftones, Vampire Weekend, Maximo Park und Wilco. Deutsche Headliner gab es trotzdem von Anfang an, 2008 zum Beispiel Die Ärzte.
Auch ich war damals gerne in Hohenfelden, obwohl die Nächte dort mit Temperaturen bis runter an die 0 Grad eisig sein konnten. Das Gesamtkunstwerk passte aber einfach.
Im September 2008 kam die Nachricht, mit der kaum jemand gerechnet hatte: Das Highfield sucht eine neue Heimat. Veranstalter Semmel Concerts nannte als Grund die Verträge am Stausee und vor allem die Auflagen der Besitzer der Wiesen, auf denen geparkt und gecampt wurde. Die Ausgabe 2009 war damit die letzte in Thüringen. Und für viele alteingesessene Fans war das auch das eignetliche Ende vom Highfield. Aber: die Geschichte ging weiter.
2010: Neustart am Störmthaler See
Die neue Heimat fand sich rund 150 Kilometer östlich in Sachsen. Im November 2009 unterschrieben Semmel Concerts und die Gemeinde Großpösna den Vertrag für ein Gelände auf der Magdeborner Halbinsel am Störmthaler See, einem gefluteten Tagebau im Leipziger Neuseenland.
Der Einstand war schwierig. Tagelanger Regen weichte das neue Gelände auf, der Aufbau geriet in Verzug, und wer am Donnerstag anreisen wollte, musste warten. Tonnen von Schotter und Tausende Quadratmeter Platten machten Wege und Campingflächen begehbar. Am Sonntag unterbrach ein Gewitter das Konzert von Fettes Brot. Am Ende kamen rund 22.000 Besucher, 3.000 weniger als im letzten Jahr in Hohenfelden. Die Veranstalter träumten trotzdem laut von 40.000 bis 50.000 Gästen.
Eins fehlte im ersten Jahr am neuen See: das Baden. Der Störmthaler See ist ein gefluteter Tagebau, und 2010 lief er noch voll. Das Wasser war zu sauer, Baden war deshalb verboten, und das Ostufer blieb gesperrt. Für 2011 kündigte das Highfield den See erstmals als eingeschränkten Strand an. 2012 gab es bei Hitze und Staub Abkühlung im See. Für alle freigegeben war der See damals noch nicht: Die Flutung war im Januar 2013 abgeschlossen, ohne Sondergenehmigung baden darf man dort erst seit dem 27. April 2014. Im selben Sommer durften Festivalgäste erstmals eigene Getränke mit an den Strand nehmen. Später gehörte die Badebucht fest zum Highfielderlebnis dazu. Mit eigener Bühne und als Duschalternative.
Die großen Jahre am See
Der Umzug brachte zunächst keinen Bruch im Programm. In den ersten Jahren am See standen weiter internationale Namen oben: 2010 Placebo, NOFX und blink-182, 2011 die Foo Fighters, Thirty Seconds to Mars und Seeed, 2014 noch einmal blink-182, Placebo und Macklemore. Dazwischen lag ein Dämpfer: 2012 blieb das Highfield mit rund 20.000 Besuchern hinter den Erwartungen, mit den Sportfreunden Stiller in der Kopfzeile. Damals veranstaltete schon FKP Scorpio mit, gemeinsam mit Semmel Concerts. Jahrelang lief das Highfield am selben Wochenende wie das Area4 in Lüdinghausen, mit vielen gemeinsamen Bands.
Den Durchbruch brachte 2016. Mit Rammstein und Deichkind an der Spitze war das Festival zum ersten Mal am neuen Ort lange vorher ausverkauft, mit 35.000 Kombitickets als Rekord. Möglich wurde das durch einen Umbau des Geländes, bis dahin war bei rund 25.000 Karten Schluss.
2017 feierte das Highfield seine 20. Ausgabe, Die Toten Hosen kamen als Jubiläumsheadliner. Ausgerechnet im Jubiläumsjahr zeigte sich die Kehrseite des offenen Seegeländes: Am Freitag beendete ein Unwetter das Programm, die Security räumte das Gelände, der Campingplatz stand unter Wasser. Billy Talent und Clueso fielen mit ihren eigenen Shows aus. Ein Jahr später waren Billy Talent wieder da, zusammen mit den Broilers, Marteria und den Fantastischen Vier.
Vom Indie-Festival zum deutschsprachigen Festival
Die Plakate zeigen den Wandel deutlich. Die internationalen Gitarrenbands, die das Highfield groß gemacht hatten, rückten Jahr für Jahr nach unten oder blieben weg. Nach oben rückten Deutschrap, Deutschpop und deutscher Punk.
Nach zwei Corona-Absagen 2020 und 2021 kam das Highfield 2022 ausverkauft zurück, mit den Broilers, die für Limp Bizkit einsprangen, und Kraftklub, die 85 Minuten im strömenden Regen spielten. 2023 standen Die Ärzte, K.I.Z und Marteria oben, 2024 Peter Fox, Cro, Provinz und Alligatoah, mit Rise Against und Macklemore als letzten großen internationalen Namen. 2025 kam die Wende zum Abschluss: Mit Electric Callboy war die Kopfzeile rein deutschsprachig, neben K.I.Z, Deichkind, Kontra K, Clueso und Nina Chuba.
2024: Das Feuer am Riesenrad
Am Samstagabend, dem 17. August 2024, fing gegen 21 Uhr das Riesenrad auf dem Gelände Feuer, zwei Gondeln brannten. Insgesamt wurden rund 65 Menschen verletzt, 16 kamen ins Krankenhaus, einige mit schweren Verbrennungen. Lebensgefahr bestand für niemanden. Unsere Chronik des Riesenradbrands erzählt den Abend aus der Sicht vom Gelände.
Das war auch irgendwie der Punkt, der mich dazu brachte, das Highfield fortan zu meiden. Klingt komisch, aber es war der letzte Tropfen, der das Fass zum überlaufen brachte. Das Festival war lange fester Bestandteil meines geschrumpften Sommerfestivalplans gewesen, doch wir hatten uns enfach auseinandergelebt. Tradition hin oder her. Das Lineup holte mich einfach nicht mehr ab.
2026: One Last Dance
Am 16. Juli 2026 schließlich kündigten FKP Scorpio und Semmel Concerts an, dass das Highfield 2026 zum vorerst letzten Mal stattfindet. Ihre Begründung: Personal, Material, Gagen und Energie kosten rund 45 Prozent mehr als vor Corona, und die Nachfrage sinkt, weil das Leben teurer geworden ist. Das Highfield, wie seine Fans es kennen, sei so nicht mehr möglich.
Die letzte Ausgabe lief vom 13. bis 16. August 2026, erstmals mit vier Tagen und einer neuen Strandbühne. Kraftklub spielten zum vierten Mal, dazu SDP, Beatsteaks, Marteria und Feine Sahne Fischfilet. Laut dpa kamen rund 28.000 Menschen.
Für 2027 kündigen die Veranstalter eine kreative Pause an, in der ein neues Konzept entstehen soll. Ob es danach wieder ein Festival am Störmthaler See gibt, ist offen. Die Junge Union Thüringen wünscht sich das Highfield zurück nach Thüringen. Ein Plan der Veranstalter ist das nicht.
Warum es nicht mehr aufging
Die Veranstalter nennen eine Rechnung, die für viele mittelgroße Festivals gerade nicht aufgeht. Die Kosten sind seit Corona um rund 45 Prozent gestiegen, die Ticketpreise ließen sich nicht im selben Maß anheben, ohne noch mehr Publikum zu verlieren. Viele Gäste gehen laut dpa nur noch zu einem Festival im Jahr statt zu drei oder vier.
Die ganze Branche spürt das. Der Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV) meldete im Mai 2026, dass Produktions-, Personal- und Künstlerkosten seit der Pandemie um rund 50 Prozent gestiegen sind, die Ticketpreise im Schnitt um rund 30 Prozent. Die Gagen haben sich in Teilen sogar verdreifacht. Gleichzeitig gibt es mit über 1.800 Festivals in Deutschland rund ein Fünftel mehr als vor Corona. Mehr Festivals teilen sich ein Publikum mit weniger Geld.
Matt Schwarz von PRK DreamHaus, Veranstalter von Rock am Ring und Rock im Park, spricht von einer enormen Kostendynamik, allen voran bei den Künstlergagen; viele internationale Top-Acts setzen lieber auf eigene Stadion- und Arenatourneen. Ein Festival mit 30.000 Plätzen kann bei diesen Preisen kaum mitbieten. Ohne die ganz großen Namen fehlt der Grund, gerade dieses Ticket zu kaufen.
Dazu kommt das zweite Standbein der Festivals: Essen und vor allem Getränke, an deren Umsatz die Veranstalter meist beteiligt sind. Oder sie organisieren es gleich komplett selbst. Junge Leute trinken weniger Alkohol. Wie stark das auf die Kasse schlägt, ist umstritten. Das Gurtenfestival in Bern meldete 2025 stagnierende bis lecht sinkende Umsätze an den Ständen und eine dünnere Marge, andere Schweizer Festivals sahen keinen Rückgang. Der Veranstalter des Fantasy Beach Festivals in Thüringen spricht dagegen von einem echten Wandel der Feierkultur.
Beim Highfield zeigen das die Zahlen. 2016 und 2022 war das Festival ausverkauft, 2024 meldeten die Veranstalter kurz vor Beginn nahezu ausverkauft, mit Restkarten. 2025 kamen laut FKP Scorpio rund 28.000 Gäste, 2026 ebenso viele. Zu den besten Zeiten waren es 35.000. Klingt nicht dramatisch, aber wie sagte einst Marek Lieberberg: Er müsse bei Rock am Ring mindestens 80% der Tickets verkaufen, nur um auf die schwarze Null zu kommen. Und das dürfte seitdem nicht besser geworden sein.
Das Programm nennen die Veranstalter nicht als Grund. Ein Kommentar bei t-online sieht dagegen einen Kreislauf: weniger Zugpferde, weniger Besucher, weniger Geld für Zugpferde. 2026 standen zwölf Bands weniger auf dem Plakat als im Jahr davor.
Wie es weitergehen könnte
Fest steht wenig. Die Veranstalter wollen die Pause nutzen, um ein Konzept zu entwickeln, das zu den veränderten Bedingungen passt. Einen Zeitplan dafür nennen sie nicht. Die Gemeinde Großpösna will die Flächen am See laut Leipziger Volkszeitung perspektivisch anders nutzen, frühestens aber in drei Jahren. Das Gelände steht also vorerst noch zur Verfügung, auf Dauer aber womöglich nicht.
Ein Blick zurück macht wenig Hoffnung. Das Area4 in Lüdinghausen, jahrelang das Schwesterfestival am selben Wochenende, traf es schon 2012. Am 14. November 2012 teilten FKP Scorpio und das Konzertbüro Schoneberg mit, dass das Area4 2013 nicht stattfindet. Der Grund: seit Jahren rote Zahlen, ein anspruchsvolles Line-up, gute Infrastruktur und bezahlbare Tickets ließen sich mit den Besucherzahlen nicht mehr bezahlen. Rund 3.000 Gäste mehr hätte das Festival zur Kostendeckung gebraucht. Folkert Koopmans erklärte später im Interview mit uns, dass sich das Area4 zwischen vielen gleich großen Festivals nicht absetzen konnte. Zurückgekommen ist das Area4 nie.
Meine Einschätzung: Ein Highfield wie bis 2026 wird es nicht mehr geben. Denkbar sind drei Wege. Das Festival kommt nicht zurück, wie das Area4. Oder es kommt kleiner wieder, mit weniger Tagen, weniger Bühnen und vielleicht einem neuen Namen, solange das Gelände am See noch frei ist. Oder es zieht noch einmal um, wie 2010. Den Wunsch aus Thüringen gibt es, einen Plan nicht. Gegen eine schnelle Rückkehr spricht, dass sich an der Rechnung nichts geändert hat: Die Kosten bleiben hoch, die Gagen steigen weiter, und es gibt so viele Festivals wie nie. Für ein neues Highfield spricht der Name. Nach fast 30 Jahren kennt ihn in Mitteldeutschland fast jeder, der auf Festivals fährt.
Aus meinem ganz persönlichen Winkel betrachtet wünsch ich mir eine Rückkehr. Wo ist mir erstmal egal. Aber und das ist eine massive Einschränkung: Ich möchte ein Highfield, das sich auf seine Indiewurzeln besinnt und wieder ein gänzlich anderes Programm auffährt. Es müssen nicht die großen internationalen Stars sein, aber ein bunteres, vielfältigeres Lineup mit wesentlich weniger einheimischen Acts.
Wohin es 2027 stattdessen gehen kann, von Hurricane bis zum splash! in Ferropolis, steht auf den Festivalseiten im Festivalkalender.
Quellen
- https://www.highfield.de/news/detail/highfield-one-last-dance/
- https://www.volksstimme.de/panorama/stars/one-last-dance-das-highfield-festival-gibt-auf-4286460
- https://www.volksstimme.de/panorama/tranen-und-hoffnung-beim-last-dance-auf-dem-highfield-4302509
- https://www.volksstimme.de/panorama/junge-union-fur-ruckkehr-von-highfield-nach-thuringen-4290215
- https://www.l-iz.de/kultur/musik/2026/07/highfield-festival-pause-664568
- https://www.l-iz.de/kultur/musik/2022/08/der-durst-nach-livekultur-highfield-festival-nach-drei-pandemiejahren-ausverkauft-festival-video-467101
- https://www.festivalhopper.de/news/?p=118777
- https://www.festivalhopper.de/news/2021/03/08/festivals-2021-absagen-verschiebungen-festivals-2022
- https://www.zdfheute.de/panorama/feuer-riesenrad-highfield-festival-leipzig-grosspoesna-stoermthaler-see-100.html
- https://www.stagereport.de/business/56512-highfield-festival-wirtschaftlich-nicht-mehr-tragbar/
- https://leipzig.t-online.de/region/leipzig/id_101386718/last-dance-beim-highfield-festivals-unter-kostendruck.html
- https://bdkv.de/pressemitteilung/festivals-bleiben-prioritaet/
- https://www.volksstimme.de/panorama/stars/festival-boom-trotz-hoherer-ticketpreise-4254345
- https://www.infranken.de/lk/nuernberg/rock-im-park-kaempft-mit-herausforderungen-und-investiert-art-6397173
- https://www.nau.ch/news/schweiz/festival-besuchende-trinken-immer-weniger-hochprozentiges-67024316
- https://www.fazemag.de/eintrittspreise-muessten-theoretisch-steigen-veranstalter-stoesst-debatte-ueber-wandel-der-feierkultur-an/
- https://www.nmz.de/politik-betrieb/veranstaltungen/gut-30000-besucher-beim-highfield-festival-erwartet
- https://regionalupdate.de/2025/08/18/highfield-festival-begeistert-mit-28-000-gaesten-erste-acts-fuer-2026-stehen-fest/
- https://dresden.t-online.de/region/dresden/id_101391290/highfield-festival-sachsen-chronologie-vom-aufstieg-bis-zum-bitteren-ende.html
- https://festivalisten.de/abschied-nach-12-jahren-highfield-sucht-neue-heimat/
- https://festivalisten.de/das-ist-das-neue-highfield-gelaende-fuer-2010-vertragsunterzeichnung-am-11-november/
- https://festivalisten.de/veranstalter-des-highfields-ziehen-positive-bilanz-weiteres-wachstum-geplant/
- https://festivalisten.de/highfield-fruehzeitiger-ausverkauf-mit-besucherrekord/
- https://www.l-iz.de/kultur/lebensart/2014/04/Stoermthaler-See-wird-offiziell-eroeffnet-54910-62823
- https://festivalisten.de/area4-findet-2013-nicht-statt/




